Die Frage nach der optimalen Wiederholungszahl im
Krafttraining taucht immer wieder auf. Dabei ist die Antwort so einfach:
Jede Wiederholungszahl hat ihre Bedeutung für unterschiedliche
Zielsetzungen.
Dies ist ein Auszug aus dem Buch "The Training of the Weightlifter"
von R. A. Roman, dem früheren russischen Nationaltrainer der
Gewichtheber. In diesem Abschnitt werden unterschiedliche Wiederholungszahlen
diskutiert.
Wiederholungen
Von R. A. Roman
(autorisiert) übersetzt von Dr. Hermann Korte
Die Anzahl der im Training verwendeten
Wiederholungszahlen ist von grundlegender Bedeutung. Wieviele Wiederholungen
pro Satz sollten mit unterschiedlichen Gewichten durchgeführt werden?
Um diese Frage vollständig beantworten zu können, sollten wir uns
anschauen, wie die gegebenen Faktoren (das Gewicht der Hantel und die Anzahl
der Wiederholungen) das Wachstum der Kraft und Muskelmasse beeinflussen.
Maximal ist die Kraftsteigerung bei hoher
Intensität und kurzer Belastung (1-3 Wiederholungen pro Satz, 1-3 RM*).
Diese Art des Trainings löst jedoch kaum die Hypertrophie der
Skelettmuskulatur bzw. die Zunahme der Muskelmasse hervor. Der Anstieg der
Kraft wird durch das Perfektionieren der Verbindungen der Neuro-Koordination
(Aktivierung der Muskulatur durch die Aktivität der Nerven,
intermuskuläre Koordination) erzielt.
Mehrere Wiederholungen bewirken eine funktionelle
Hypertrophie und die vermehrte Muskelmasse trägt zur erhöhten Kraft
bei. Auf diese Weise vermehren schon 4-6 Wiederholungen (4-6 RM) die Muskelmasse
und der Kraftzuwachs ist nur geringfügig kleiner als mit 1-3 Wiederholungen
hoher Intensität.
7-10 Wiederholungen pro Satz (7-10 RM) vermehren
die Muskelmasse sogar noch stärker, dafür ist der Kraftanstieg
geringer als bei den 4-6 RM. Folglich verringert sich die Höhe des
Kraftanstieges, wenn sich die Anzahl der Wiederholungen erhöht (von
1 bis 10 RM) und die Muskelmasse wird, durch eine Folge des verminderten
Trainingsgewichts, erhöht. Unterschiede in der Art und Weise, in der
sich die Muskelmasse erhöht, entstehen aufgrund der Qualifikation des
betreffenden Athleten.
Dementsprechend sollte das Training von
Anfängern und Athleten geringer Qualifikation zunächst und vor
allem die Muskelmasse und eine Stärkung des Bewegungsapparates
fördern. Dies geht einher mit der Tatsache, daß die Relation von
Körpergewicht zu Körpergröße von Anfängern und
Athleten geringer Qualifikation nicht der Gewichtsklasse entspricht, in der
sie sich befinden. So kann beispielsweise ein 16-17jähriger Anfänger
bei 164 cm Körpergrösse etwa 60 kg wiegen. Bei dieser Grösse
müßte er später ein Mittelgewichtler werden und somit 75
kg wiegen. Aus diesem Grunde sollten Anfänger und Athleten niederer
Qualifikation Wert auf mehrere Wiederholungen mit minimalen, geringen und
mittleren Gewichten legen.
Dabei ist es ist wichtig, daß
Anfängern und Athleten geringer Qualifikation nicht die maximal
mögliche Wiederholungszahl nutzen, wenn sie Serien mit mehreren
Wiederholungen durchführen. Sie sollten stattdessen 2-3 Wiederholungen
weniger machen. In anderen Worten, man hebt ein Gewicht, das 12 mal gehoben
werden kann, 4-6 mal. Untersuchungen haben gezeigt, daß solch eine
Spannung ausreicht, um bei diesen Athleten eine ununterbrochene Steigerungsrate
zu erzielen. Würden Anfänger und Athleten geringer Qualifikation
die vollständige Anzahl an Wiederholungen pro Satz nutzen, würden
sie nach einigen solcher Sätze ermüden und unfähig sein, mit
ausreichendem Volumen zu trainieren. Weiterhin kann sogar eine geringe Anzahl
solcher Sätze mit maximaler Wiederholungszahl zu Verletzungen führen
und ein regelmäßiges Training hemmen. (...)
Natürlich gewöhnen sich Heber im
Laufe ihrer Fortschritte auch an grössere Muskelspannungen. Es wird
immer wichtiger, eine signifikante Muskelspannung zu erzeugen um in der Folge
den maximalen Effekt einer Krafterhöhung zu erzielen. Daher müssen
qualifizierte Athleten (Klasse 1, CMS, MS) die Methode der multiplen
Wiederholungen (Anmerkung: Vergleiche "Krafttraining" von Zatsiorsky und
das "Westside Barbell Club Trainingshandbuch" von Simmons/Tate: Die Methode
wiederholter Krafteinsätze) gleichzeitig mit der Methode der kurzen
Belastung maximaler Intensität (1-3 RM) nutzen (entspricht der Methode
maximaler Krafteinsätze in "Krafttraining" von Zatsiorsky und im
"WBC-Trainingshandbuch" Simmons/Tate). Befindet sich das Körpergewicht
eines Hebers nahe am Limit seiner Gewichtsklasse, sollte ein großer
Teil seines Trainings der 2. und weniger der 1. Methode gewidmet sein. Der
qualifizierte Heber benötigt pro Satz die maximal mögliche und
die nahezu maximal mögliche Wiederholungszahl.
Höher qualifizierte Athleten (MSIC)
müssen häufig die Methode der kurzen Belastung maximaler
Intensität (1-3 RM) einsetzen. Eine Verminderung des Trainingsgewichtes
würde zu einer verringerten Kraftentwicklung führen.
Darüberhinaus hat der Athlet schon seine Gewichtsklasse "gefunden" und
benötigt keine zusätzliche Muskelmasse. Um den Status ihrer Muskelmasse
zu erhalten, müssen Athleten der Klassen 100 kg, 110 kg und darüber
häufig höhere Wiederholungszahlen mit maximalen und nahezu maximal
möglichen Wiederholungszahlen (4 und mehr) nutzen. So sollten Heber
aller Trainingsstufen, vom Anfänger bis zum hochklassigen Athleten,
die für sie optimale Kombination verschiedener Methoden der Kraftentwicklung
nutzen.
*RM, repetition maximum, die maximale Wiederholungszahl
ist die Masse, die nur einmal (1 RM), dreimal, (3 RM), sechsmal (6 RM) etc.
gehoben werden kann, wobei keine weitere Wiederholung möglich ist |